17.10.2013 |  Andrea Wörle
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Schwellenstaat in der Krise


Südafrika am Boden?



Südafrika geht es zunehmend schlechter. Die steigende Arbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme des Landes, erst im September sind im südafrikanischen Industrie- und Finanzsektor fast 75.000 Jobs weggefallen. Darüber hinaus muss die größte Volkswirtschaft des südlichen Kontinents einige Aufgaben bewältigen.

Auf den ersten Blick könnte das Land am Kap Vorbild für die viele andere afrikanische Staaten sein. So ist nicht nur der Dienstleistungs-, Industrie- und Bergbausektors vergleichsweise gut aufgestellt. Auch die für afrikanische Verhältnisse hohe Rechtssicherheit und gute Zahlungsmoral des Landes überzeugt viele Investoren und Unternehmen. Die vergleichsweise liquide Börse und der hoch entwickelte Kapitalmarkt tragen ebenfalls zu dem guten Ruf bei.

Zuletzt machte Südafrika aber vor allem mit zahlreichen Hiobsbotschaften auf sich aufmerksam. Die anhaltenden Streiks im Automobil- und Bergbausektor stellen Unternehmen und internationale Investoren auf eine Geduldsprobe. Im August haben etwa 30.000 Arbeiter im Automobilsektor ihre Arbeit niedergelegt. In den Werken von BMW und Mercedes standen die Bänder still und auch beim japanischen Autobauer Toyota haben 80 Prozent der 8.000 Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt. Anfang September sind weitere 14.000 Bergbauarbeiter in den Streik getreten.

Die Automobilkonzerne mussten wegen der Streiks der letzten Wochen bereits herbe Produktionsausfälle von etwa 13.000 Fahrzeugen verkraften. BMW hat daher Konsequenzen gezogen und angekündigt, von den geplanten Investitionen im bestehenden Werk in Rosslyn abzurücken. Auch der japanische Autobauer Nissan möchte laut Berichten in der südafrikanischen Presse doch keinen Standort in Südafrika eröffnen, sondern schielt stattdessen auf Nigeria.

Enorme Arbeitslosigkeit, trotz hoher Nachfrage nach Facharbeitern


Dem Adcorp Beschäftigungsindex zufolge sind im September fast 75.000 Jobs im Industrie- und Finanzsektor weggefallen. Damit verschlechtert sich die ohnehin schon dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt noch weiter. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 50 Prozent. Erfreulich ist zwar, dass der Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften steigt. Problematisch ist jedoch, dass diese Nachfrage kaum bedient werden kann, da das südafrikanische Bildungssystem schon seit vielen Jahren zu wünschen übrig lässt und nun gut qualifizierte Arbeitnehmer Mangelware sind. Erschwerend kommt hinzu, dass in der sich weiterentwickelnden Volkswirtschaft zunehmend einfache Tätigkeiten wegfallen.

Wachstumsraten stagnieren auf niedrigem Niveau


Dass Südafrika zeitnah auf den alten Wachstumspfad zurückkehren wird, ist daher eher unwahrscheinlich, wenngleich nicht ausgeschlossen. Seit Ende der Apartheid 1994 wuchs die Wirtschaft Südafrikas zwar kräftig, doch die Finanzkrise 2008/2009 hat auch Südafrikas Wirtschaft in die Knie gezwungen und im Jahr 2009 eine Rezession von minus 1,5 Prozent verursacht. Seit 2009 dümpelt das jährliche Wachstum mit rund 3 Prozent vor sich hin, zu wenig für einen aufstrebenden Schwellenstaat.

Auch der aktuelle Jahresbericht von African Economic Outlook (AEO) kann nicht durch gute Zahlen beruhigen. Während es mit den Subsahara-Staaten 2013 im Schnitt um 5,4 Prozent aufwärts gehen soll, wird die südafrikanische Wirtschaft in diesem Jahr wohl nur um magere 2,8 Prozent zulegen. Die Prognose für 2014 stimmt mit 3,5 Prozent zumindest etwas milde, wenngleich es für Subsahara-Afrika um 5,8 Prozent nach oben geht.

Der Bericht der AEO wird jedes Jahr von Ökonomen der der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB), dem OECD-Entwicklungszentrum, der Wirtschaftskommission für Afrika der Vereinten Nationen (UNECA) sowie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) erstellt.

Diese bessere Aussicht ist den Experten der belgischen Exportkreditversicherer ONDD zufolge vor allem auf die sich langsam erholenden Weltwirtschaft und einiger staatlicher Infrastrukturprojekte, etwa dem sogenannten „National Development Plan“, zurückzuführen.

Vor allem Investitionen in die Infrastruktur sind dringend erforderlich. Schließlich leidet das Land etwa unter einer chronischen Stromknappheit. Problematisch ist hierbei auch, dass der Strom überwiegend durch umweltschädliche Kohlekraftwerke hergestellt wird, was die weltweit höchste Abhängigkeit von Kohle mit sich bringt. Der Anteil an erneuerbaren Energien am Strom-Mix soll daher bis zum Jahr 2030 auf 9 Prozent ausgebaut werden. Im letzten Jahr hat die Regierung dafür 5,5 Milliarden US-Dollar bereitgestellt, um den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie anzukurbeln.

Goldabbau immer schwieriger


Auch die südafrikanischen Goldquellen bringen dem Land immer weniger; der Sektor verliert seit Jahren an Bedeutung. Dies liegt zum einen an der zunehmenden Erschöpfung der Minen. Zum anderen machen die Streiks der Arbeiter und die höheren Produktionskosten das Geschäft mit dem glänzenden Edelmetall immer kostspieliger. Unterm Strich ist die Goldproduktion in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent gesunken.

Privathaushalte sind hoch verschuldet


Die hohe Verschuldung der Privathaushalte belastet die südafrikanische Wirtschaft ebenfalls. Vor der Finanzkrise hat vor allem der kreditfinanzierte Konsum das Wachstum angekurbelt – und zwar so sehr, dass ist die Verschuldung der Privatpersonen im Verhältnis zu ihrem verfügbaren Einkommen mittlerweile auf ein hohes Niveau von fast 75 Prozent gestiegen sind. ONDD warnt daher in einem aktuellen Bericht, dass dies den Finanzsektor des Landes gefährden könnte. Schließlich haben die südafrikanischen Geldhäuser 45 Prozent ihrer Kredite an hoch verschuldete Haushalte vergeben.

Darüber hinaus steht auch der Staat selbst immer höher in der Kreide. Die Auslandsschulden sind von 28,4 Prozent in 2011 auf 35,3 in diesem Jahr rasch angestiegen. Seit dem weltweiten Konjunktureinbruch ist auch das Haushaltsdefizit auf im Schnitt 5 Prozent pro Jahr geklettert, wenngleich die höhere Quote auch Folge einer konjunkturfördernden Wirtschaftspolitik und geringerer Steuereinnahmen ist. Auch das chronische Leitungsbilanzdefizit bereitet Sorgen. Im letzten Jahr ist es gemessen am Bruttoinlandsprodukt auf 6,3 Prozent angestiegen. 2010 lag es noch bei 2,8 Prozent.

Zumindest beabsichtigen die Südafrikaner im Haushaltsjahr 2013/14 eine Haushaltskonsolidierung in die Wege zu leiten. Ob es die Regierung vor den anstehenden Wahlen im nächsten Jahr wagt, einschneidende Sparmaßnahmen durchzusetzen, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Dabei wären weitreichende Reformen dringend notwendig, wenn Südafrika seinen Vorsprung vor den anderen afrikanischen Ländern behalten möchte.

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